ADHS JENSEITS DES LABELS: FUNKTIONELLE MUSTER STATT STANDARDDIAGNOSEN

Warum reagieren zwei Menschen mit derselben ADHS-Diagnose in der Praxis oft völlig unterschiedlich auf dasselbe Neurofeedback-Protokoll? Diese Frage begegnet mir als Kliniker und Ausbilder ständig – und sie führt uns zu einem entscheidenden Punkt: ADHS ist kein einheitliches „Ding“, sondern ein Sammelbegriff für unterschiedliche Formen neurophysiologischer Dysregulation. Wer nur das Verhalten sieht, arbeitet an der Oberfläche. Wer die zugrunde liegenden Muster erkennt, trifft klinisch präziser – und häufig wirksamer in der klinischen Praxis. 

Die Sackgasse der Verhaltensdiagnose

Diagnosen wie ADS oder ADHS sind als Orientierung im medizinischen System nützlich. Aber sie beschreiben Symptome, nicht Mechanismen. Sie sagen uns, wie jemand wirkt – nicht, warum das Nervensystem so reagiert.

Wenn wir eine Störung, die primär auf der Ebene neuronaler Regulation stattfindet, ausschließlich über Verhalten definieren, entstehen fast zwangsläufig standardisierte Interventionen: „ADHS = Protokoll X“. Genau hier liegt das Problem: Standarddiagnosen erzeugen Standardbehandlungen – und Standardbehandlungen ignorieren die individuelle Architektur des Gehirns.

Bei IFEN verfolgen wir deshalb konsequent eine andere Logik: Wir behandeln nicht das Label, sondern die konkrete Dysregulation. Und das bedeutet: Erst verstehen, welches Funktionsmuster vorliegt – dann trainieren.

Das qEEG als Denkwerkzeug – nicht als Dekoration

Das quantitative EEG (qEEG) ist für uns keine Zusatzoption, sondern ein zentrales Instrument klinischer Präzision. Es zwingt uns, über die Symptomoberfläche hinauszugehen und den funktionellen Fußabdruck des Gehirns zu lesen: Muster von Aktivierung, Hemmung, Stabilität, Netzwerk-Kopplung und Selbstregulation.

In der praktischen Arbeit nutzen wir dafür standardisierte Werkzeuge, um klinisch relevante Muster standardisiert und nachvollziehbar zu erfassen – und nicht nur aus Gefühl oder Gewohnheit heraus zu vermuten.

Dabei begegnen uns immer wieder klar unterscheidbare Profile, zum Beispiel:

  • Theta-Überschuss-Muster: häufig verbunden mit Aufmerksamkeitsinstabilität, verlangsamter Verarbeitung und impulsivem „Abrutschen“ aus dem Fokus.
  • Low Voltage Fast (LVF): ein Nervensystem im Modus chronischer Übersteuerung – hyperwach, schnell, aber kaum abschaltbar; oft wirkt das wie ADHS, ist aber physiologisch eher Hypervigilanz.
  • Instabile Arousal-Modulation: das Kernproblem ist nicht „zu wenig Konzentration“, sondern eine gestörte Fähigkeit, zwischen Aktivierung und Ruhe situativ stabil zu wechseln – der Regler ist da, aber er greift nicht sauber.

Die beschriebenen Muster sind klinische Arbeitsmodelle; jede Intervention erfordert individuelle Anamnese, Diagnostik und Verlaufskontrolle – Ergebnisse können variieren. 

Der entscheidende Perspektivwechsel: ADHS ist nicht gleich ADHS. Was wir trainieren, ist nicht „ADHS“, sondern ein konkretes Regulationsproblem, das im qEEG sichtbar wird und im Training gezielt adressiert werden kann. 

Klinische Verantwortung

Verantwortung beginnt mit Verstehen. Bevor wir das Gehirn trainieren, müssen wir begreifen, wie es organisiert ist, wie es reguliert – und warum es dort festhängt, wo der Mensch leidet. Neurofeedback ist keine Technik, die man „anwendet“, sondern eine klinische Entscheidungskette: erkennen, einordnen, ableiten, überprüfen.

Technologie ist dabei nie Selbstzweck. Sie dient dem Menschen. Unsere Aufgabe als Therapeutinnen und Therapeuten ist es, die Geschichte zu lesen, die uns die Neurophysiologie erzählt: Welche Muster tragen die Symptome? Welche Regulation fehlt? Welche Kompensation hält das System nur mühsam stabil?

Erst aus diesem Verständnis entsteht verantwortungsvolle Praxis: ein Training, das nicht kurzfristig Symptome glättet, sondern Regulation aufbaut – mit dem Ziel, nachhaltig Lebensqualität zu verbessern.

 

Möchten Sie ADHS jenseits von Diagnoseschubladen verstehen und neurophysiologische Muster präzise einordnen? Lernen Sie unsere Methodik, Qualitätsstandards und Ausbildungsprogramme kennen – inklusive transparenter Informationen zu Inhalten, Dozenten und Zertifizierung – unter neurofeedback-info.de.